Die Evangelische Kirche Niederbieber: Erzbischof-Hermann-zu-Wied-Gedächtniskirche

Eine Kirche in Bieber wird urkundlich erstmals 1204 erwähnt, doch ist der bestehende Bau sicher jünger. Turm und Altarraum bilden ein prachtvolles spätromanisches Ensemble. Schmuckformen, wie steigende Rundbogen, sowie Vierpass- und Kleeblattfenster, datieren den Bau auf etwa 1240. Das Kirchenschiff entstand in spätgotischer Zeit, wohl im 15. Jahrhundert. Der Westbau aus unbekannter Zeit wurde im 20. Jahrhundert mehrfach verändert. Der 2008 neu aufgelegte Kirchenführer des Kirchbauvereins gibt eine ausführliche Einführung in die Geschichte der Kirche und ist im Gemeindebüro erhältlich.

Die Architektur

Der spätromanische Altarraum mit dem Triumphbogen ist weitgehend erhalten: die Kreuzrippen ruhen auf Ecksäulen mit Blattkapitellen. Der Schlussstein könnte eine Artischocke darstellen.

Das Kirchenschiff ist im Kern eine querrechteckige dreischiffige spätgotische Stufenhalle. Die Seitenschiffe sind spitzbogig gewölbt. Sie öffnen sich mit zwei spitzbogigen Arkaden zum flachgedeckten Mittelschiff.

Die Kirchenfenster

Die Fenster im Altarraum wurden 1885 von Königin Elisabeth von Rumänien gestiftet. Sie gehört dem Fürstenhaus Wied an und ist unter ihrem Dichternamen Carmen Sylva bekannt. Die Fenster in der Südwand stellen, stark stilisiert, die Wurzel Jesse dar. Stilistisch lehnen sie sich an die Grisaillemalerei der Zisterzienser an. Das Vierpassfenster zeigt in Jugendstilformen das Kreuz und eine rote Rose, die von der Dornenkrone umschlungen wird.

Alle Fenster des Westbaus wurden vom Fürstenhaus Wied 1912 gestiftet. Die drei großen Fenster über der Westempore zeigen die Portraits der an der Reformation in den Wiedischen Landen maßgeblich beteiligten Reformatoren: in der Mitte Hermann von Wied, flankiert von Martin Bucer und Philipp Melanchthon.

Hermann zu Wied

Die Kirche zu Niederbieber war im 15. und 16. Jahrhundert Grablege der Grafen von Wied. Ausgrabungen im Altarraum haben Gebeine, aber keine Gruft nachgewiesen.  Erhalten geblieben sind die Grabplatten des Kurfürsten und Erzbischofs Hermann zu Wied, die man im Boden belassen hat, und die der Eltern, die in die Wände des Altarraums eingelassen wurden – Friedrich I. zu Runkel, Graf zu Wied und zu Isenburg; Agnes von Virneburg, Gräfin zu Wied.

Hermann von Wied, 1477 auf Burg Altwied geboren, wurde 1515 zum Erzbischof und Kurfürsten von Köln gewählt, 1532 zum Bischof von Paderborn. Als Kurfürst krönte er 1520 Kaiser Karl V. in Aachen. Als Erzbischof hat er versucht, Missstände in seinem Bistum durch Reformen zu begegnen; eine Kirchenspaltung strebte er aber nie an. Erst nachdem er mit seinen Reformbemühungen innerhalb der etablierten Kirche gescheitert war, fand er langsam Zugang zur reformatorischen Lehre. 1542 lud er den Straßburger Reformator Martin Bucer und einen Mitarbeiter Luthers, Philipp Melanchthon, nach Bonn ein. Hier verfassten sie nach Beratung mit Hermann von Wied die Schrift „Einfältiges Bedenken“, ein Reformationsentwurf, der 1543 in Bonn gedruckt, dessen Ideen aber von Klerus, Universität und Stadt Köln abgelehnt wurden. 1546 exkommuniziert, zog sich Hermann von Wied auf Burg Altwied zurück, wo er 1552 starb und mit einem evangelischen Trauergottesdienst in der hiesigen Kirche beigesetzt wurde.